Rede von Jutta Haß zur Ausstellungseröffnung 2013

Sehr geehrte Damen und Herren!

Zunächst möchte ich mich bei Herrn Burmeister und dem Team des Stadtmuseums bedanken, die diese Ausstellung zur Erinnerung an meinen Mann Hans-Joachim Haß möglich gemacht haben.
Ebenso gilt mein Dank dem Galeristen Klaus Vondermühl, der mich so tatkräftig bei den Vorbereitungen unterstützt hat.

Bei der Durchsicht aller Unterlagen, die von früheren Präsentationen der Bilder meines Mannes stammen, habe ich noch mal all die wichtigen und interessanten Reden, Beiträge und Kritiken gelesen.
Es gab viele, auch unterschiedliche Interpretationen seiner Werke.
Bei dieser Ausstellung finden Sie absichtlich keine Bildtitel. Ich werde auch nicht den Versuch unternehmen, die Bilder zu erklären.
Sie sollen sie beim Anschauen  unbeeinflusst auf sich wirken lassen um vielleicht ihren ganz eigenen Zugang zu ihnen zu finden.Und ich will auch nicht seine vielen Ausstellungen aufzählen. Das kann man im Internet auf seiner Homepage nachlesen (www.hass-art.de).

Ich möchte Ihnen heute, sozusagen als Frau des Künstlers (so hat mich kürzlich ein Museumsmitarbeiter begrüßt!) zu den bereits bekannten Aussagen einige vielleicht unbekannte und manchmal eher persönliche Dinge über meinen Mann, den Lehrer, Schauspieler, Regisseur und Maler erzählen.

Das künstlerische Gen liegt sicher in der Familie Haß - der Vater Maler, der älteste  Bruder Komponist in Berlin und der jüngere Bruder seit Jahren Schauspieler bei der Hofgeismarer „Bühne“.
Und auch unsere Kinder sind in unterschiedlicher Weise künstlerisch tätig.
Aber wie und ab wann zeigte sich denn nun bei meinem Mann dieser Hang zu künstlerischer Betätigung?
In der Schulzeit war jedenfalls noch nichts von seinem Talent z.B. als Maler zu erkennen!
Ich erinnere mich, wie er mal von einer kleinen Begebenheit erzählt hat:
Sein Vater, Walter Haß, Lehrer und recht bekannter Maler in Hofgeismar, hatte in Jochens Schulklasse Zeichenunterricht als Vertretung.
Das Thema der Stunde lautete: "Unser Schwimmbad"  
Alle Kinder malten eifrig drauf los, nur Jochen brachte nichts aufs Papier.
Ausgerechnet er, der Sohn des Zeichenlehrers! Peinlich!
Sein Vater half ihm, wie man so sagt, aus der Patsche, indem er ihm, ohne dass die anderen Schüler was merkten, mit schnellen Strichen eine Skizze auf das Zeichenblatt malte, die „Hans“, wie man ihn damals nannte, nur noch ausmalen musste.
Vielleicht hat er sich wegen des erfolgreichen Vaters in den früheren Jahren nie getraut, es selbst mit dem Malen zu versuchen?

Aber nein, er wollte ja Schauspieler werden.
Sein Talent dafür hatte er in etlichen Schüleraufführungen an der Albert-Schweitzer-Schule bewiesen.
Aber seine Eltern drängten ihn, trotz einer bestandenen Aufnahmeprüfung an einer Schauspielschule in Berlin, einen „richtigen Beruf“ zu ergreifen.
So absolvierte er in Göttingen ein Lehramtsstudium, und er hat seinen Beruf mit viel Liebe und Engagement bis zu seiner Pensionierung ausgeübt.

Seine Passion als Schauspieler konnte er während seines Studiums im Studententheater und später neben seiner Lehrertätigkeit in der Hofgeismarer Theatergruppe „Die Bühne“ ausleben.Hier führte er auch über viele Jahre und mit großem Erfolg Regie.
Heute Abend wird bei der Vorstellung "Die zwölf Geschworenen", nochmals aufgeführt von der „Bühne“ in der Hofgeismarer Stadthalle, seine Stimme zum letzten Mal zu hören sein, wenn auch nur als Tonbandaufzeichnung.


Aber das war noch nicht alles!
Er hatte so vielfältige künstlerische Fähigkeiten und Interessen.
Er liebte klassische Musik, sang jahrelang in dem bekannten Grebensteiner Kammerchor unter Michael Tauche.
Zahlreiche kulturelle Veranstaltungen hat er durch seine ausdrucksstarken Lesungen bereichert.
Meist las er Gedichte oder Kurzgeschichten zu eher ernsten Themen.
Aber ich erinnere mich z.B. gerne an „Die Konferenz der Tiere“, die mit ihm als Sprecher und vielen Schulkindern unter der Leitung von Dirk Wischerhoff in der Altstädter Kirche aufgeführt wurde.

Er hat sich auch den Traum von einigen großen Reisen erfüllt, z.B. nach Südafrika, zum Nordkap mit dem Postschiff (im Winter!) und mit der transsibirischen Eisenbahn durch die Weiten der Mongolei bis nach Peking. Seine Eindrücke hat er in interessanten Reiseberichten und in beeindruckenden Bildern festgehalten.


Seine Beschäftigung mit der Malerei begann erst spät, etwa um 1979 mit den ersten „ Bierdeckel-Bildern“ ( Einige sind heute in der Ausstellung zu sehen).
Sein Bekannter, der Galerist Klaus Vondermühl, ermutigte ihn zu immer neuen Malversuchen.
So entwickelte er sich als Autodidakt ständig weiter.
Das Malen wurde für ihn, den sensiblen, im Inneren oft einsamen und selbstzweiflerischen Menschen zu einer Möglichkeit, Probleme und Ängste zu beschwören, zu bannen und ihnen damit ihren Schrecken zu nehmen.

In seinen persönlichen Aufzeichnungen hat er das so beschrieben:

„Ich scheue mich nicht, in meinen Bildern Traurigkeit und äußerste Einsamkeit auszudrücken. Meine düsteren Bilder ängstigen mich aber nicht, sie sind gebannte Ängste, die befreien.
Menschen fehlen auf meinen Bildern, sind nicht mehr erkennbar, zeigen sich allenfalls in einer Art Rückbildungsprozess der Schöpfung wieder in Pflanze, Himmel, Erde und Wasser- sie haben in ihrer Rolle als Menschen versagt, sind wieder zurückgekehrt dahin, woher sie gekommen sind.
In meinen expressiven Bildern sieht man sie in Metamorphosephasen, pervertiert und degeneriert, in fratzenhafter Auflösung begriffen.“

Ich halte seine dunklen bedrohlichen Bilder, und besonders seine Deckelbilder, die in seinen depressiven Phasen entstanden sind, für seine wichtigsten Werke!

Sie sind für mich persönlich allerdings oft sehr bedrückend, weil ich weiß, in welchen Situationen bzw. unter welchen Umständen sie entstanden sind.

Man muss sich das so vorstellen:
Abgeschottet von seiner Familie und der Außenwelt, meist abends oder nachts, dringt laute dramatische Musik (z,B. von G. Mahler) aus seinem Zimmer.
Er malt wie besessen, bringt seine Gedanken und Gefühle aufs Papier.
Keine Störung wird geduldet, nicht durch mich, die Kinder oder Telefonanrufe.
Eine unbeschreibliche Anspannung breitet sich über uns allen aus, bis er, oft völlig erschöpft, sein Bild vollendet hat.

Das Leben mit ihm war für uns nicht immer ganz einfach.
Er war kein Familienmensch im herkömmlichen Sinne.
Aber er brauchte den geordneten Rahmen der Familie, jemanden, der ihm die Organisation des Alltags abnahm, ihm den Rücken freihielt, damit er seine künstlerischen Fähigkeiten voll ausleben konnte.


Aber mein Mann hat nicht nur dramatische Bilder gemalt.
Er war ein großer Naturliebhaber und so sind auch viele Landschafts- Baum- und Blumenbilder in hellen, freundlichen Farben entstanden.
Die Birke z.B. in ihrem zarten frischen Grün war sein Lieblingsbaum und ein häufiges Motiv auf seinen Bildern.
Solche schönen, positiven Bilder werden natürlich gerne gekauft.
Sie vermitteln dem Betrachter ein Stück „heile Welt“.
Man braucht sie nicht besonders zu ergründen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Aber sie gehören nicht zu seinen wichtigsten Bildern,weil seine Welt eben nicht „ heil“ war!
Seit Ende 2007 malte er plötzlich nicht mehr.
Seine beginnende Krebserkrankung warf wohl ihre Schatten voraus.
Er fing an, in Tagebuchaufzeichnungen sich mit ihr und seinem Leben auseinander zu setzen.

Eine seiner letzten Eintragungen :
„ Mein Leben war bestimmt von innerer Unruhe,Selbstzweifeln, Verlustängsten, ständigem Getriebensein einerseits, und Sehnsucht nach Harmonie durch Gerechtigkeit und Kampf für die Schwachen, Geborgenheit und Ruhe andererseits.
Es bleibt die Hoffnung, in fortwährendem Streben zueinander der grenzenlosen Einsamkeit entrinnen zu können, sich durch Liebe und Mit-Leiden ein wenig von der Lebenswärme zu geben, die nötig ist, um nicht lebendig zu erstarren.“


Uns, die wir nach seinem Tod zurückgeblieben sind, bleibt die Erinnerung an diesen außergewöhnlichen Menschen, an seine Stimme, sein Lachen, seine Worte - und – uns bleiben seine Bilder!

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