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Transsibirisches Tagebuch: China

19.07.2002

Es sind mehr als 5 Stunden Aufenthalt geworden: um 2.15 Uhr setzt sich der Transsib mit neuen Radsystemen endlich wieder in Bewegung, Richtung Peking.

Die Szenerie hat sich derweil fast gespenstisch geändert: die Grenzstation und, wie wir später erleben werden, alle folgenden Haltebahnhöfe sind streng bewacht, die Passanten ständig kontrolliert von Militär: Soldaten, wohin man auch blickt: mal wird vor dem vorbeifahrenden oder gerade haltenden Zug salutiert, mal vor irgendwelchen Vorgesetzten, Auf-und Abmärsche ohne erkennbaren Sinn, Marschmusik und Lautsprecherparolen: wir sind eben in einer sozialistischen Volksdemokratie: da herrscht noch „Zucht und Ordnung", fragt sich nur welche und zu welchem Zweck!

Während des Halts ist der mongolische Speisewagen gegen einen chinesischen ausgetauscht worden, sonst bleibt alles beim alten.

Und wieder ein grandioser Landschaftswechsel: die Wüste verschwindet, der Nordosten Chinas präsentiert sich mit intensiv bewirtschafteten Ebenen (Baumwolle, Reis, Gemüse) und bizarren Gebirgsketten, vom Zug aus können erste Teile der chinesischen Mauer erspäht und fototechnisch archiviert werden. Neugier auf mehr!

Die Luft wird schwül, 37°C Außentemperatur, in Peking erwarten uns Smog und Gewitter.
Und dann sind wir da und wie erschlagen!

Von wegen sozialistisches Einerlei und militärisches Gepränge. Peking empfängt uns im Stil einer weltoffenen Großstadt mit Glanz und Gloria.

Da rauscht der Verkehr siebenspurig, da blitzen die eleganten Hochhäuser, Kaufcenter und Hotels, unzählige Straßencafes locken Tausende von Passanten – am Werktag (!) – man spürt Lebensfreude und Aufbruchstimmung – aber wir wollen nicht vergessen die trostlosen, halbverfallenen Hütten eine halbe Bahnstunde VOR Peking - dieses Land schwankt offenbar zwischen dem Wagnis eines gigantischen Fortschrittwillens in den Zentren, der ungestümen Suche nach einem demokratischen Sozialismus mit privatwirtschaftlichen Elementen einerseits und der Gefahr, dabei die riesigen kleinbäuerlichen Gebiete, die Randzonen dieses unermessliches Landes zu vergessen und im Elend versinken zu lassen...

Essen in einem Spezialitätenrestaurant – first class – Unterkunft in einem ebenso first class-Hotel in der Innenstadt! Jetzt sitzen wir noch in einem Eiscafe und erwarten die morgige große Stadtrundfahrt mit Besuch des Kaiserpalastes etc..

Unglaublich viele Eindrücke unterschiedlichster Art schon in diesen ersten Stunden – ein neuer Film muss her – der fünfte!

20. / 21.07.2002

Das werden noch zwei heiße Tage im wahrsten Sinne des Wortes.

Die 12-Millionenstadt verlangt Durchhaltevermögen, wenn wenigstens die bekanntesten Sehenswürdigkeiten bewältigt werden wollen.

Heute stehen der Platz des himmlischen Friedens,der Kaiserpalast und die Verbotene Stadt auf dem Programm. Die V.St. ist wirklich eine Stadt in ihren Ausmaßen, die müssen erst einmal bei 30°C Hitze und 100% Luftfeuchtigkeit erlaufen werden. Um den Preis einer Riesenblase unter dem linken großen Zeh, dem Verlust von min. 2l Flüssigkeit und dem „Verzehr" zahlloser Wasserflaschen gelingt es schließlich.

Was zu besichtigen war, ist gigantisch und nur schwer in Worte zu beschreiben, vielleicht werden die Dia später einen besseren Eindruck vermitteln können z.B. von den unermesslichen Ausmaßen des Platzes, dessen „himmlischer Frieden" allerdings oft genug schändlich missbraucht und geschändet wurde – ähnliches war über die V.S. zu berichten durch unsere chinesische Führerin: von Auspeitschungen aufmüpfiger Mandarine auf den Palasthöfen in früherer Zeit...

Überhaupt kommt bei mir nie so recht Freude auf bei der Besichtigung monumentaler Bauwerke der Geschichte, seien es nun solche der chinesischen Kaiser oder von Diktatoren der Neuzeit. Das überdimensionierte Konterfei Maos am Eingangstor des Palastes wirkt daher wie ein Sinnbild einer unheilvollen Allianz...

Bewunderung für architektonische und sonstige Großtaten wird immer wieder gestört, wenn sie nicht individueller Kreativität, sondern dem Machtwillen von Despoten ihre Entstehung „verdanken"!

Und wie recht hatte B.Brecht doch auch in diesem Zusammenhang mit seinen Fragen: „Wer baute das siebentorige Theben etc. etc.".

Die abertausende Menschen aus allen Herren Ländern, die lärmend und pausenlos knipsend den Platz bevölkern, scheint all das allerdings wenig zu stören und wir schließlich mitten unter ihnen...

Da wirkt es doch versöhnlich, dass zum Schluss der Besichtigungstour ein Park durchquert wird, in dem sich die Menschen zwanglos treffen, Schach und Karten spielen, spontan Chorgesänge anstimmen – ein heiterer Kontrapunkt zu den teilweise bedrohlich wirkenden Eindrücken der Stunden zuvor.

Am Mittag und Abend besuchen wir ein thailändisches und ein chinesisches Restaurant im ganz ursprünglichen Baustil ohne störende europäische Einflüsse – sind also wieder in der Historie gelandet, diesmal aber ohne faden Beigeschmack – im Gegenteil, beide Restaurationen bieten Genuss pur – dazu altthailändische Tänze und Gesang – da passt alles zusammen – ein harmonischer Ausklang des Tages ! Ein Teil der Gruppe besucht noch eine Akrobatenschau – mir ist einfach nicht danach, genug geturnt und balanciert an diesem Tag – im wörtlichen und übertragenen Sinne!

21.07.2002

Die zwiespältigen Gefühle setzen sich auch heute fort. Es gilt, die große chinesische Mauer zu bestaunen.

Doch das Staunen über die enorme physische Leistung beim Errichten dieser gigantischen Steinmonumente wird schnell überlagert von der Abscheu gegenüber der Kaltherzigkeit und Menschenverachtung der Verantwortlichen der X–, Y- oder Z–Dynastien, die bedenkenlos Tausende unterjochter Sklaven für ein letztlich sinnloses Bauwerk opferten – Schutzwall gegen anstürmende Nomaden sollte es werden – aufgehalten hat es schließlich keinen – aber Machtwille und Ignoranz sind zeitlos – der antiimperialistische Schutzwall volksdemokratischer Prägung fiel schließlich auch erst kürzlich – trösten kann das alles nicht – die Tränen und Flüche der Betroffenen und Missbrauchten stehen in keinem Geschichtsbuch!

Wieviel Energie hätte sinnvoll genutzt werden können, um gemeinschaftsdienliche oder künstlerisch-individualistische Projekte zu verwirklichen – die Besichtigung weiterer kaiserlicher Paläste und Grabstätten am Nachmittag bekommt so einen immer faderen Beigeschmack – wo sind die Gräber derer, die leiden mussten?

Ich erinnere mich an die vielen Bettler, vor allem Kinder, die uns in Moskau, Irkutsk und Peking mehr oder weniger stumm ihre Hände entgegengestreckt haben – gegeben haben wir, aber es konnte immer nur zu wenig sein...

Das festliche Abschiedsessen am Abend will ich auch deswegen nur ganz kurz erwähnen – genossen habe ich es aber trotzdem - die große Reise der großen Widersprüche und Gegensätze geht zu Ende, die Naturschönheiten haben uns in ihren Bann gezogen, erschüttert, überwältigt, sprachlos und ehrfürchtig gemacht, die Einblicke in die menschliche Gesellschaft, und da beziehen wir Reisende uns mit ein, eher ratlos.

Um 12:45 Uhr chinesischer Zeit hebt die Skandinavian Airlines in Peking ab, 12 Stunden Flugzeit liegen vor uns, Beginn der Verarbeitungs-und Reflexionszeit des Erlebten!