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Transsibirisches Tagebuch: Russland und Bailkalsee

15.40 Uhr

Ankunft Moskau: Gluthitze 37°. Russische deutschsprechende – sehr nette- Reiseleiterin empfängt uns: „Wir fahren jetzt „kurz" zum Hotel". Es werden 30km! Bus immerhin klimatisiert! Dort angekommen stellt sich heraus, dass wir den falschen Eingang erwischt haben. „Wir gehen nur schnell um die Ecke!" Die Ecke entpuppt sich als ca.3km Weg!

Hotel Russia: ein Riesenbau mit über 5000 Betten, das Zimmer OHNE Klimaanlage hat eine Temperatur von 27°! Es gibt immerhin einen defekten Ventilator...

Nach dem Abendessen Besichtigung des ROTEN PLATZES, Geldumtausch, Kauf einer 2l–Überlebenflasche Wasser...

Die Heizung im Bad lässt sich nicht abstellen – bin gespannt auf die Nacht...

08.07.2002

Die Nacht war subtropisch, der infernalische Autolärm ließ keine geöffneten Fenster zu, gegen 4.00 Uhr wurde es einigermaßen erträglich.

Nachts um 2.00 Uhr plötzlich ein Telefonanruf, eine weibliche Stimme radebrecht deutsch und englisch und bietet... eine „Zimmermassage" an!!!

Kein Kommentar...

Tagsüber ausgedehntes Besichtigungsprogramm: Kloster, Roter Platz, Kreml. Die Hotelmahlzeiten sind üppig, viel zu üppig! Ein Beispiel: Mittagessen. Vorspeise I: Lachs, Tomaten, Gurken, Vorspeise II: Pilzragout mit Käse überbacken, Hauptgericht: Rinderbraten, Erbsen und Möhren, Pommes frittes, Nachspeise: Kuchen, Tee, Kaffee, Obst.

Die schweißtreibenden Pflasterkilometer sind da vielleicht noch ein Ausgleich, wie soll das aber erst im Zug werden? Wir werden sehen, morgen ist es soweit!

09.07.2002

Nacht noch schwüler, Zimmertemperatur 32° (!), kein Massageanruf! Erste Magen–Darmprobleme am Morgen vorläufig (?) mit Kohle eingedämmt.

Metrofahrten quer durch Moskau, am Nachmittag Schiffsfahrt auf der Moskwa! Luft kühlt nach Gewitter etwas ab, man kann durchatmen.

Erstmalig viel Freizeit am Nachmittag.

Merke insgesamt nach 1. Etappe der Reise: geführte Besichtigungstouren sind nicht mein Ding: pausenlose Informationen, verordnete gos und stops machen müde in jeder Beziehung!

Am Abend um 23.00 Uhr beginnt die 2. Etappe: Start nach IRKUTSK im Transsib – mehr davon am 10.7.!

10.07.2002

0.00 Uhr

Das kann man nicht anders als Schock bezeichnen, was uns beim Betreten des Abteils ereilt: in unserem hat sich bereits eine russische Mutter mit ihrem Kind eingerichtet, intensiver Knoblauchgeruch inklusive.

Sie schauen uns erschreckt und abweisend an, haben natürlich die besten Plätze unten belegt. Verständigung gleich Null, also: wir wuchten die Gepäckstücke hoch, klettern mühselig hinterher und dann: es REGNET, tropft unaufhörlich auf Bettlaken und Kleidung – mit Anschalten der Klimaanlage läuft Kühlwasser aus!

Aufgeregtes Durcheinanderschwirren des Personals, Abhilfe unmöglich, also nachts um 1.00 Uhr Bettzeug und halbausgepackte Klamotten gepackt, durch den übervollen Zug gezerrt, Abteile auf, gesucht, wo noch ein „Bett" frei ist. Unvorstellbare Gerüche schlagen einem entgegen, ich glaub' ich träume, albträume...

Irgendwann endlich sitzen wir, natürlich oben, in irgendeinem Abteilbett, schwitzend, suchen im Notlicht nach Waschzeug, suchen nach dem „Bad": nächster Schock: die Tür zu einem Winzraum läßt sich nur mit einem Tritt an dieselbe öffnen: dann steht man in einer verkleideten Zelle von ca. einem halben Quadratmeter: nur durch Drehen – Bewegen, Gehen unmöglich – kann man sich von der Kloschüssel, offen, verdreckt, Deckel nicht verschließbar, zum Wasserspender drehen, der zunächst versagt, dann durch geschicktes Drücken für ca. 1 sec. etwas braunes Wasser freigibt, sofort wieder versiegt.

Alles in unvorstellbar schäbigen Zustand...

Der Zug fährt an, holpernd, stoßend, schwankend – aber fallen kann man ja nicht s.o. – und sofort beginnt es wie im ersten Abteil aus allen Fugen und von der Decke zu tropfen...

Langsam macht sich Panik breit, gemischt mit einer gehörigen Portion Wut auf den Veranstalter! O-Ton aus der Werbeschrift des Handbuches: „Regelzugreisen bieten authentisches Reisen mit durchaus akzeptablen Komfort und Standard...

Nur: aus dem durchaus happigen Pauschalpreis, den wir vor Antritt der Reise entrichtet hatten, konnte keineswegs auf die Art „Standard und Komfort" geschlossen werden, den wir nun zu „genießen" hatten!!!

Fluchtartig verlasse ich den Waschraum ungewaschen und lasse mich erschöpft, enttäuscht und sprachlos aufs „Bett" fallen. Die „Mitinsassen" des Ersatzabteils, zwei Italienerinnen und ein Russe dagegen erscheinen stoisch und längst in ihr Schicksal ergeben.

Diese Nacht aber – o Wunder – vergeht auch.

9.00 Uhr Frühstück im „Speisewagen" – Schock Nr. 3 naht, wird aber schon gar nicht mehr so dramatisch empfunden, offenbar stellen sich Fatalismus und Anpassung auch bei uns ein: im Gang schlägt uns intensiver Fleischdunst entgegen, wir öffnen die Tür und stehen einem martialisch anmutenden Typ gegenüber, der in einem Trog intensiv Hackfleisch knetet, Raumtemperatur ca. 27°! Das Personal „serviert" mürrisch, hastig und schweigsam halbgare Spiegeleier und lauwarmen Tee, die Tassenhenkel schmutzig, wir essen ebenso schweigend und stolpern ziemlich ratlos durch den stampfenden rüttelnden Zug zurück.

Und es dämmert uns langsam ,was „authentisches" Reisen in Russland wohl noch immer ist – und – man lässt das schon mehrfach verschwitzte Hemd eben einfach an, ist ja schließlich wieder trocken und außerdem bequemer und niemand stört sich daran, wir duften doch alle gleich und sitzen alle im gleichen Boot, pardon Zug...

17.00 Uhr

Von 15.00 Uhr - 17.00 Uhr Schlaf nachgeholt, endlich richtig rasiert, eine Flasche Wasser gekauft - auf russisch(!) – und damit mal die Zähne geputzt – na und, hatte doch Zeit, ist doch in Ordnung so! Dawai!

22.00 Uhr

Wir verlassen die Moskauer Zeitzone und nähern uns Sibirien. Die Uhr wird 3 Stunden vorgestellt, die Nacht entsprechend kürzer.

In dieser Nacht verschlafen wir zwangsläufig den Erdteilwechsel Europa – Asien. Wir passieren die Städte PERM, JEKATERINBURG, TJUMEN und durchqueren das URALGEBIRGE.

11.07.2002

Prompt verschlafen – allerdings nur um eine halbe Stunde – auch an Bord herrscht noch Gruppenzwang beim Einhalten der Mahlzeiten – von unserer russischen Reiseleiterin verordnet und von der Gruppe (außer von mir ) willig angenommen. Mit der Gruppe haben wir sonst kaum Kontakt, sie suchen ihn nicht und wir schon gar nicht, ist mir sehr recht so.

Aber die Reiseleiterin ist ein sehr interessanter Mensch, hat Germanistik studiert und sich dann gleich auf Tourismus spezialisiert, liebt Büchner, Dostojewskij, Gogol, Strindberg und Mahler, die Natur und vor allem die Weiten der Nordsee ,Grund genug für anregende Gespräche.

Das teilweise heftige Widerstreben gegen die an den Vortagen erlebten Umstände ist übrigens gänzlich verschwunden – es ist, als hätte man die mitgebrachten westlichen Zivilisationsansprüche abgelegt wie einen zu engen Mantel und sich fast erleichtert dem Gleichmut des Ostens angeglichen – ohne Bedauern – im Gegenteil, Entspannung und innere Ruhe stellen sich mehr und mehr ein – wohltuend...

Wir haben Omsk passiert und nähern uns NOWOSIBIRSK, die Hitze, die auch zur inneren Spannung beitrug, ist plötzlich zu Ende gegangen, dunkle Wolken und gewittriger Regen wirken erlösend – die sibirische Landschaft öffnet sich immer mehr, der Horizont weicht zurück, die erhoffte innere Ruhe ist Reflex der äußeren – die zweite Nacht im Transsib kann kommen , die Uhren werden um eine weitere Stunde vorgestellt, dem Osten entgegen...

12.07.2002

Die Landschaft hat sich gewandelt, Bergland hat die weiten Ebenen abgelöst, erweckt fast den Eindruck des Alpenvorlandes, Blumenwiesen, Birkenwaldhügel lassen die landläufige Vorstellung von Sibirien vergessen.

Schnappschüsse aus den doch reilich zugewehten Abteilfenstern werden mehr und mehr zur Glücksache.

Kuriosum am Rande, aber doch wohl erwähnenswert: immer wieder begegnen wir kleinen, nur mit Halbschranken gesicherten Straßen, die die Bahnlinie queren. Pfiffige Idee, um Unfälle zu vermeiden: ein Teilstück der Straße ist mechanisch hochklappbar, das gibt allenfalls Blech- aber keinen Personenschaden : einfach und genial, einfach genial!

3. Unterrichtsstunde in Russisch für Anfänger gerade so überstanden, unsere Reiseleiterin gibt sich, mehr oder minder vergeblich, allerdings die größte Mühe: "Sie sind doch Lehrer!... Lassen wir das.

Das Mittagessen im Speisewagen ist nach längerer Zeit mal wieder erwähnenswert: Rinderbrühe mit Gemüse- und Kartoffeleinlage, saure Sahne, Kartoffelpuree und gebratener Lachs, 2 Täfelchen Schokolade und Tee! Wurst und Käse am Abend und Morgen stammen dagegen nach Einschätzung von Ludmilla „noch aus der Sowjetzeit." Lassen wir das auch.

Am frühen Morgen des 13. werden wir in Irkutsk landen, Ende des ersten Teilabschnitts der Reise – Uhren wieder 1 Stunde vorstellen! Während ich diese Zeilen schreibe – 23.30 Uhr, kurz vor Mitternacht - habt ihre gerade euren Nachmittagskaffee ausgetrunken!

Verabschieden werden wir uns auch von der russischen Minifamilie im Abteil, mit dem Jungen habe ich richtig Freundschaft geschlossen, auch ohne Worte : er bestaunt meine Fotoausrüstung, führt mir seine Miniautos vor und ich bringe ihm vom Mittagessen die Süßigkeiten mit, die er nach regelmäßiger erster Abwehr regelmäßig strahlend verzehrt – die Mutter lächelt dazu ... Geld für den Speisewagen haben sie nicht.

In dem Zusammenhang: die letzten Wagen sind sog. offene Abteile, in der – ohne Klimaanlage und ohne die Möglichkeit Fenster zu öffnen - pro Wagen ca. 30 russische Menschen leben, essen, schlafen... in unbeschreiblich stickiger Luft – und – bewundernswert, in völliger Ruhe und offenbarer Zufriedenheit sitzen sie, lesen, beschäftigen die Kinder, kauen Kürbis- und Sonnenblumenkerne – da kommt man schon wieder ins Nachdenken...

13.07.2002

9.00 Uhr

Wir sitzen auf gepackten Koffern, haben das Frühstück im Abteil eingenommen und warten auf die Endstation, aber da können wir lange warten – offenbar gab es in der Nacht eine größere Panne, wir haben 2 ½ Stunden Verspätung – auch hier: keinerlei Aufregung, kein ärgerliches Herumgerenne oder Schimpfen – da ist sie wieder, die Ergebenheit, der Gleichmut oder ist es einfach Gelassenheit und die Einsicht, dass man eben hinzunehmen hat, was nicht zu ändern ist und die Welt trotzdem nicht einstürzt, dass es mehr Auswege und Varianten einer Sache gibt, als man glaubt oder sich glauben macht – Panik hilft nie weiter – da kommt man schon wieder ins Nachdenken...

Die unendliche Weite des Landes, die wir auf dieser Fahrt so eindrucksvoll erleben, prägt offenbar auch die Mentalität ihrer Menschen: langer Atem bei Planungen, aber auch Standhaftigkeit und Beharrungsvermögen – da kommt man s.o. ...

Mir wird dabei immer klarer, warum ich zunehmend diese Fahrt bei allen äußeren Widrigkeiten als entspannend empfinde: der ständige Zwang, Entscheidungen zu treffen, zu überdenken, zu verwerfen, kurzfristig neu zu planen, Angst, falsch geplant, entschieden zu haben, all das ist abgenommen, aufgehoben, in die langsam an mir vorbeiziehenden Bäume, Berge, Flüsse verteilt, zurückgenommen, aufgehoben, abgenommen – Aufatmen , lehn dich zurück und genieße – noch 2 Stunden Zeit, viel Zeit und es ist gut so!

14.30 Uhr

Die Überraschungen haben kein Ende, die krassen Gegensätze auch nicht: BALKAI-SEE – ein Traum: mächtige Wälder und Bergzüge säumen einen See, der ein Meer zu sein scheint - breite, gepflegte Straßen führen an prächtigen Villen und aufwändig in die Berge gezauberten Blockhäusern vorbei zum Balkaihotel – hoch droben ... und was noch kommt, ist immer wieder gepflegt: ein elegantes Zimmer mit Balkonblick auf den See, freundliches , zuvorkommendes Personal, Mittagessen im Waldrestaurant (Hühnerbrustsalat auf Ananas mit Sesam und überbackenem Käse, geräucherter Fisch aus dem Balkaisee, Rinderbrühe mit unglaublich vielfältigen Kräutern und Gewürzgurken , Schweinesteak mit Pilzen und Käsefarce, Salzkartoffeln mit Dill, Crepes mit Preißelbeermarmelade, Kaffee und Tee), alles fast wieder zu europäisch gepflegt, aber dann erscheint ein Sänger, der zum Essen russische Folklore singt: das hat doch ein anderes flair, alles fließt leise, dezent, elegant – ein Hauch von Luxus und Exotik – und vor Stunden noch der stampfende lärmende Expresszug mit dem eher gleichgültigen Personal – alles das ist Russland!